Versunken - auch vergessen ?

Mittelgebirge und Mitteleuropa: das bedeutet auch Gebirgsbäche, Gewitterstürze, Hochwasser;  dazu kommt nach Industrialisierung und Bevölkerungswachstum stark gestiegener Brauch- und Trinkwasserbedarf - kein Wunder dass seit über hundert Jahren gerade in Deutschland eine Vielzahl neuer Stauseen entstanden sind, die obigen Bedürfnissen Rechnung tragen, daneben auch als Naherholungsgebiete fungieren können.  Herausragendes Beispiel für die extensive Nutzung des Wassers stellt natürlich das Bergische Land und Sauerland dar, vor den Toren der Ballungsräume Köln und Rhein-Ruhr gelegen.  Mit jedem Jahr das eine projektierte Talsperre später zur Ausführung gelangte, waren die Täler besiedelter, mussten mehr Verkehrswege umgelegt werden.

NRW  >  Bergisches Land >  Wiehltalsperre

Die prozentual "meistversunkene" Bahnstrecke dürfte die Stichstrecke Brüchermühle - Wildbergerhütte im Bergischen Land sein, deren fast komplette Trasse im Tal der oberen Wiehl sich nun in der Wiehltalsperre wiederfindet (südlich der Bergischen Autobahn 4).   Die nur knapp 10km lange Nebenbahn war erst 1910 eröffnet worden; Personenverkehr gab es nur bis 1953, die Stilllegung und der Gleisabbau geschahen um 1960.  Und dann, 1971, verschlang die Wiehltalsperre weite Teile der Trasse (sowie einige Dörfer und die alte B 256...

Löffelsterz: ehem.Damm der Bahn nach Wildbergerhütte samt Wegdurchlass fast unsichtbar; immerhin dient plane Fläche privatem Garten (2008)

Leider musste der hier "passende" Panorama-Külbergturm vor wenigen Jahren abgerissen werden; dafür gibt es nun einen "Aussichtspunkt Krombacher Insel" (diese kleine Insel ist Star der Fernsehwerbung), der aber völlig sinnfrei den Zauber des "Inselchen im See im Wald" nicht darbieten kann (man nehme besser eine Drohne ;-)  Mehr noch:  der Zugang zum Ausflugspunkt ist kaum beschildert, nur der Kartenkenner und Spurensucher findet an einem winzigen Waldweg eine Parkmöglichkeit, die sich -als alte Allee- im Nachhinein als Relikt der alten Landstraße bei Nespen entpuppt.  Da die Wege entlang der Vorsperre nunmehr gesperrt sind (Trinkwasser- und Forstschutz) gilt der Dank für die Fotozulieferung den örtlich Berechtigten :)

Die alte Bahn als Einschnitt oberhalb der Vorsperre ...dann ein Damm, der sogar noch eine... ...Brücke aufweist
Gleich dahinter ist schon die Vorsperre... Die Flügelmauer nippt am Wasser  (je 2018)

 

 

NRW  >  Sauerland  >  Biggesee

Große Beachtung in den 1960er Jahren fand der Bau der Biggetalsperre:  sie erforderte nicht nur die Umsiedlung hunderter Talbewohner, auch die Eisenbahnstrecke Olpe - Finnentrop musste in den Fluten versinken.  Die Neutrassierung führte zum Bau dreier Tunnel sowie der berühmten Doppelstockbrücken;  aufgegeben werden mussten immerhin der Alte Hanemicker und der Kraghammer-Sattel-Tunnel.  Jener führte die Bahnlinie vom Bigge- ins Ihnetal und wurde beim Talsperrenbau auf Wunsch der Adenauer-Regierung zu einem Talsperren-Notablass umgebaut; seit 2002 finden umfangreiche Umbaumaßnahmen zu einem Regelablass statt.  Im Jahrhundertsommer 2003 erhob sich bei sehr geringem Wasserstand der fast unzerstörte Bahndamm südlich des Hanemicke-Tunnels inklusive Brückchens majestätisch aus den Fluten;  die Stellen der beseitigten Tunnelportale sind zu identifizieren:

Stelle des Alten Hanemicker Tunnel, ex Südportal 2003 und Stelle des Nordportals

Linktipp:  viele Fotos des Tals vor dem Untergang mit der alten Bahntrasse samt Brückchen, großteils 2003 aufgetaucht, finden sich auf www.biggesee.org   (unter Geschichte).   

 

NRW  >  Bergisches Land  >  Wuppertalsperre

Erst Ende der 1980er Jahre schließlich traf es das Tal der oberen Wupper;  im Bereich um Krebsöge musste die Bahnstrecke Wuppertal - Oberbrügge unterbrochen werden;  scheint es der untere Teil (mit dem schönen Beyenburger Tunnel) zu einer Museumsstrecke zu "schaffen", ging der östliche Abschnitt den üblichen Gang des schleichenden Bedeutungsverlustes mit abschließender Stilllegung  (siehe auch unter Bergisches Land).
Bei der noch jungen Wuppertalsperre handelt es sich um ein hochlohnendes Ziel "Verkehrsarchäologie unterwasser".  In einer Tiefe von 12 bis 20 m findet sich noch heute die alte steinerne "Kräwinklerbrücke".  Sie trug früher die alte Talstraße; die unweit einst das Tal überspannende Eisenbahnbrücke (hohe Pfeiler und Stahlträgerüberbauten) würde knapp unter der Wasserlinie liegen und wurde selbstverständlich vollständig abgetragen.  Beim Tauchziel sind wegen beschränkter Sichtweite Fotos kaum möglich; umsomehr achte man auf vereinzelte Stahlkrampenüberreste (Geländer bzw. Leitplankenrelikte -
  Linktipp:  Marc Strauchs Homepage )  Auch bei diesem künstlichen See führte der extrem trockene Sommer 2003 zu seltenen Ein- und Aussichten wie Björn Goessler dokumentieren konnte:

Alter Bahneinschnitt bei Krebsöge

 

Bayern  >  Oberpfalz  >  Eixendorfer See

Auch in der östlichen Oberpfalz führte das Aufstauen der Schwarzach zum Eixendorfer See zum unwiderruflichen Ende der Nebenbahn Bodenwöhr - Rötz;  in der aktuellen TK50  © Bayer. Landesvermessungsamt lässt sich ihre alte Trasse am Südrand des Sees (heute Panoramaweg) gut verfolgen;  bis knapp vor den Staudamm verläuft heute ein Radweg geschmückt von Bahnsteinen und km-Tafeln (>1).

Hier verliert sich die Bahntrasse (wovon noch Schotter
zeugt) im Stausee;  Blick gen West, Höhe ^2

 

Sachsen  >  Erzgebirge  >  Talsperre Eibenstock

Selbst die DDR musste ihre so gebrauchten Bahnstrecken an einer Stelle zugunsten einer Talsperre opfern:  im westlichen Erzgebirge verlor Eibenstock gleich zwei Bahnhöfe und seine Stichstrecke;  die Durchgangsstrecke Chemnitz - Adorf wurde in zwei Äste gesplittet die heute bekannten morbiden Charme (mehr) bieten können.
Im heute überfluteten Bereich ist von der alten Bahnlinie immerhin noch die Tunnelkrone des Südportals vorzufinden, mangels Wegen aber schwer zu erreichen. Vom gegenüberliegenden Ufer mit der Bundesstraße können wegen Bewuchses nur langsame Radfahrer Blicke erhaschen.  Da dankenswerterweise der Vorsperrendamm für Fußgänger zugänglich ist, gelingen mit Teleobjektiv (unten: 360mm äquiv.) ordentliche Eindrücke des obersten Teils des alten Nordportals des Tunnel:

Als im Mai 1999 der Wasserstand stark abgesenkt war, gelang Sven Brückner diese einmalige Aufnahme des Südportals des Tunnel von Schönheiderhammer
Normal sind Süd- (2003) und... ...Nordportal nahezu versunken; die... ...Mauerkronen aus Beton überdauern (2009)

Bei kleineren Stauseeprojekten genügte oftmals eine kurze Trassenverlegung (Talsperre Malter im östlichen Erzgebirge, Innerstestausee im Harz sowie im weiteren Verlauf der Erzgebirgsquerbahn beim Muldenberger See);  das umfangreiche Schmalspurnetz um Oschatz / Mügeln wurde durch die Talsperre Döllnitzer See erst nach der Stillegung der betroffenen Strecke "erwischt".

Erwähnenswert zudem die kleinen Anschlussbahnen, die nur zum Bau von Staumauern benötigt wurden und in die Kategorie Werksanschlussbahnen eingeordnet werden können - angesichts der kurzen Betriebszeit haben seltenst Relikte überdauert;  dagegen kann die (sogar zeitweise elektrifizierte) Stichstrecke Gräfenwarth - Staumauer an der Bleilochtalsperre (Thüringer Schiefergebirge) noch heute ausgemacht werden, ihre Stammstrecke Schleiz-Saalburg ist erst in jüngster Zeit eingestellt worden.

Ehem.Damm Talsperrenbaubahn Klingenberg... ...und die Streichholzbrücke (anfangs Holz) 2008 Trasse Staumauerbaubahn Gräfenwarth 2009

 

Tschechien  >  Böhmerwald  >  Talsperre Lipno

Im Dreiländereck D - A - CR  befindet sich der Vodní nádrž Lipno -  dieser Stausee als Teil der Moldau-Staustufen war in den 1950ern entstanden (Hochwasserschutz) und dient heute vornehmlich Freizeitbedürfnissen.  Alte Karten zeigten -noch ohne den See-, dass offenkundig die Nebenbahn Rybník - Lipno (nahe der Staumauer) auf einigen hundert Metern verlegt werden musste, dass andererseits eine sich 1944 im Kursbuch unter KBS 426t Wallern - Krummau befindliche Nebenbahn (Sudetenland) ebenso im See versunken sein musste.
Recherchen ergaben: diese von der Österreichischen Lokaleisenbahngesellschaft 1891 eröffnete Nebenbahn -schon wenige Jahre später verstaatlicht, also unter kkStB-Regie- gelangte unter ČSD-Regie (1918-1938), sodann einige Jahre unter die DRG, später wieder Teil des ČSD-Netzes, ab 1993 (Trennung von der Slowakei) dann ČD, seit 2003 den SŽDC.  "Realer" freilich die Neutrassierung ab 1958 auf gut 13km Länge, da um Horní Planá (früher Oberplan) sowohl Wege als auch Ortsteile "untergingen".  2011 gelang -in ruhigster Vorsaison- die Auffindung eines Trassenbrückchens: 

Unweit Nová Pec: Fundament an Trasse Die Trasse teils abgegraben Südlicher bald unterhalb des Wasserspiegels
Unten ein nur im Frühjahr großer Zufluss Gebaut von Österreichern und vielen anderen...

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