Berlin.  Potsdam.  Umland.

Höhepunkt der Verkehrsarchäologie im Südwesten Berlins

Berlin, größte und lange Zeit wichtigste Stadt Deutschlands, war zu Anfang des letzten Jahrhunderts zu einer einzigartigen Verkehrsdrehscheibe geworden. Verheerende Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die Jahrzehnte andauernde Teilung der Stadt inklusive deren Abschneiden des Umlandes sowie eine politisch-wirtschaftlichen Zwängen folgende Umverlagerung der Verkehrsströme hatten eine Vielzahl von Verkehrsrelikten bedingt die auch heute noch teils ausfindig zu machen sind.  Erfreulicherweise haben sich bereits einige Publikationen dieses Themas angenommen, eine Vertiefung der Situationsbeschreibungen sollte jedoch dort beheimateten Enthusiasten überlassen bleiben, zumal Wiederaufbau, Neubau und Lückenschluss einhergehen mit Beräumung von Bahnbrachen und neben einer guten Ortskenntnis sicher auch eine regelmäßige Regionalzeitungslektüre sehr von Vorteil sein muss.

Drei Verkehrswegerelikte auf engstem Raum, an einer auch für Kurzbesucher strategisch günstigen Stelle lohnen in jedem Fall eine kurze Vorstellung:  eine alte Autobahn, eine doppelgleisige Hauptbahn, eine S-Bahnstrecke werden eingerahmt durch die ehemalige Grenze Westberlins zu Potsdam (DDR), einen Kanal samt notwendiger Brückenbauten sowie der neutrassierten, heute großzügigen Autobahntrasse.

Breite Schneise der alten Autobahn Pfeiler der geplanten Stammbahn-Erweiterung Auf Brücke Schotter und zaghaft Bäume (je 2004)
Die alte Stammbahn-Brücke Rest der Stammbahn über altem Avus-Teilstück; Bäume im Zustand 2002 (vgl.o.!)

Chronologisch:

  • die alte Potsdamer Stammbahn, einst Preußens erste Eisenbahn führte ab 1838 vom S-Bhf Griebnitzsee (im Osten Potsdams) direkt in ostnordöstlicher Richtung -am Norden Dreilindens vorbei- zum S-Bhf Düppel, der noch bis 1980 zum Westberliner S-Bahn-Netz gehörte

  • der Teltower Kanal, 1906 eröffnet, einst mit elektrischen Treidelbahnen an seinem Ufer

  • die Stahnsdorfer Friedhofsbahn, eine nicht einmal 5km lange S-Bahnstrecke, führte erst seit 1913 vom S-Bhf Wannsee (an der neuen, nördlicheren Berlin-Potsdamer-Bahn) in südlicher Richtung nach Stahnsdorf

  • das Teilstück der Avus, unter Verkehr von 1940 bis 1969  (mehr hierzu unter  wege/abv)

Von ersterer ist der Damm mitsamt Schotter streckenweise sehr gut erhalten; am berühmtesten wohl die Überführung über die alte Avus mit den monumentalen Brückenwiderlagern und -pfeiler für den projektierten sechsgleisigen Ausbau; bei Kohlhasenbrück der Damm über die Machnower Straße (mit Bauerinnerungsstein vom Vorgängerbauwerk) jedoch nur mehr Widerlager über den Teltowkanal:  dieser heute vollständig in Betrieb, vom Treidelverkehr nichts mehr zu erkennen;  die alte S-Bahn nach Stahnsdorf sehr überwachsen, überbrückt von der Straße "Teerofendamm", die alten Bahnhöfe Privathäuser; hier am spektakulärsten die alte Stahlfachwerkbrücke über den Teltowkanal (einst Fußgängern vorbehalten), sehr gut zu sehen von der neuen A115 knapp südlich der neuen AS Kleinmachnow.

Die alte Stammbahnbrücke am Kremnitzufer ...mit der Erinnerungs-Inschrift Am Trassendamm ein abgerutschter km-Stein (je 2011)
Teltowkanalbrücke 2004: stark vergittert (baufällig?)
2013:  bröckelnder Beton (Wegunterführung an... ...rostendem Fachwerk; allerdings fanden Arbeiten... ..statt (Absperrung / Sicherung ?)  (abgetragen !)
Alte Kreuzung Avus mit Friedhofsbahn (Einschnitt) Straßenbrücke über der Bahn, die sogar 2013 noch... ...Gleise in Verwucherung zeigt

 

Die alte Autobahntrasse, mehrere Kilometer lang parallel die alte Stammbahn begleitend, war nach dem Bau der Mauer von der DDR zugunsten der heutigen Führung aufgegeben worden, da sie im Bereich Dreilinden - Albrechts Teerofen mehrmals die Grenze zwischen DDR und Berlin (West) überquerte.  Anfang der 1990er Jahre diente sie noch einigen Dreharbeiten, befindet sich aber jüngst in Rekultivierung und wird vielleicht am längsten als planer Teeruntergrund für den Campingplatz Albrechts Teerofen südlich der Kremnitzbrücke (über den Kanal führend) überdauern.  Siehe auch Autobahnverlegungen.

Empfohlene Dosis:  einmal pro Berlin-Besuch. Grund:  Auch längere Schnellfahrten sind (wie wohl Staus, die wir kaum kennen) psychisch-physisch anstrengend, sodass vor Erreichen des Molochs Berlin, vor Beginn von Konferenzen / Sitzungen / Tagungen hier, Ausfahrt 5 Kleinmachnow eine Entschleunigung angezeigt ist (bitte eben nicht das nahe Porsche-Zentrum aufsuchen, man käme auf Gedanken ,-) - ein stiller Kanal, drei Kern-Arten von Relikttypen nebst waldgerahmter Einfamilienhäuser (äh, Villen) - kurzum, ein sehr geeigneter Platz für Fotos, Picnic (und, da sandige Mark, für Auslauf der Kleinen, so dabei)...

Alte Raststätte Dreilinden und Asphaltreste
Am Campingplatz Albrechts Teerofen

Bilder (6): Thomas Kempka

 

Nordwesten

Im Bereich des Spandauer Forstes (von Schönwalde kommend) lässt sich die Metropole (und einstige Insel) besonders ungewöhnlich auf einer kleinen, verkehrsbeschränkten Waldstraße "betreten"; und schon der erste "städtische Beginn" (einige Hochhäuser direkt am Waldrand) kann mit einer klassischen Bahnbrache aufwarten: den Resten der alten Bötzowbahn.  Errichtet bis gegen 1908, um Spandau mit Bötzow zu verbinden gingen von ihr einige Anschlussgleise (zB Fliegerhorst Schönwalde; Hennigsdorf) ab, verkehrte auf ihr weitenteils (in den 1920ern bis Kriegsende) sogar eine Straßenbahnlinie.  Die Berliner Teilung markierte das Ende der Streckenteile außerhalb Westberlins, sodass immerhin noch die Industriegleise Hakenfelde bedienbar blieben. Liegt der alte Bahnhof Johannesstift nun noch als Endpunkt für Güterwagenabstellungen bereit, so sind wenige Meter östlich die Verzweigungen der Hakenfelder Industriegleise typische Gleis- und Schotterwüsten, finden sich auf vielen Kilometern westlich der Havel (zB in den Neuendorfer Forsten) Spuren der Bahn, die einstigen Brücken über die Nebengewässer (zB Havelkanal) freilich abgetragen.
2018 ein erster Halt, weitere Erkundungen werden folgen: 

Links Bötzowbahn gen Bürgerablage; rechts Hakenfelder   Industriegleise; sogar ein km-Stein ?    Minimale Brückenreste des Fliegerhorstanschlusses über   Rietzlaakegraben
             

 

 

 

 

 

 

 

Ebenfalls unweit Spandaus:  die alte Siemensbahn.  Erbaut vom Namensgeber Ende der 1920er, liegt die nicht einmal 5km kurze S-Bahn-Strecke seit 1980 brach, ist also ein langjähriges und bekanntes Westberliner Bahnrelikt.  Nunmehr recht hermetisch abgesperrt, müssen (bei nur kurzen Halten) Fotos der Bahnhöfe von außen genügen, finden sich im Netz vielfach Fotos Einheimischer, die in den "offeneren" Jahren auch Eindrücke der Bahnsteige und Gleistrassen einfangen konnten.  An einem sonnigen Sommersonntag 2018 gelangen anlässlich einer Berlindurchfahrt einige erste Eindrücke:

Gleisreste unterhalb der Stadtautobahn Hinten Strecke 6107, nahe der Knüppeldamm Brückenteile über der Spree demontiert
Alter S-Bhf Wernerwerk Siemensstadt, der S-Bhf über dem Rohrdamm Gut gesichert

 

 

Ex-Relikt:  Potsdam - Kaiserbahnhof

Dieses lange Jahre dem Verfall preisgegebene ehrwürdige Gebäude befindet sich unmittelbar neben dem S-Bhf Potsdam-Wildpark an der südwestlichen Ecke des berühmten Parkes von Sanssouci.  Waren in der Vergangenheit mobid-reizvolle Motive möglich gewesen, so führte die vorbildliche Restaurierung zu einer reaktivierenden Nutzungsänderung als DB-Tagungszentrum. 

Berlin - Anhalter Bahnhof

Unweit des sehr sehenswerten Museums für Verkehr und Technik steht der kümmerliche wenn auch sehenswerte Fassadenrest dieses Kopfbahnhofes; das Aufbautempo der Hauptstadt führt womöglich noch dazu dass dieses Bauwerk eines Tages die letzte große Kriegsruine markiert.
Links Zustand 2002,  aktuelle Ansichten gewinnt man über die geo-Suche "Askanischer Platz".

 


Reliktzentrum Gesundbrunnen
Der heute durchaus frequentierte Bahnhof im Wedding (bedeutende Regionalbahn-Umsteigestelle) kann in seiner Umgebung mit mannigfachen Relikten aufwarten - sei es der alte Nordbahnhof (der alten Nordbahn, fast ausschließlich Güterverkehr), der heute als Mauerpark "strukturierte Geschichte" bietet, die alten (oft nicht mehr sichtbaren) Anschlussgleise (zB Richtung Aktien-Viehmarkt), besonders aber richtig historische Bauwerke:  spektakulär die großen (östlichen) Liesenbrücken, die mit ihrem Stahlfachwerk würdig an großen Bahnzeiten eines Stettiner Bahnhofs erinnern, heute darniederliegen, aber bereits am Rande von Erinnerungsparks liegen:

Liesenbrücken (Gartenstraße) ...gesperrt... mächtig, perfekter Rost (je 2012)
Schöne Anblicke,... ...oben zaghaft ein Park... ...mit Trasse Richtung Stettiner Bahnhof (Nordpark)

Südlich des Humboldthains schließlich liegt das Gelände der alten AEG;  während der berühmte Versuchstunnel (in Betrieb seit ca. 1896 für innerbetriebliche Verbindungen) ab ca. 2017 im Rahmen von Führungen (Berliner Unterwelten e.V.) wieder zugänglich wird, werden Reste von Anschlussgleisen (Am Rande des Parks) wohl noch sukzessive verschwinden.  Immerhin haben sich in den historischen Gebäuden (AEG ja Geschichte seit ca. 1994) ein Gründerzentrum und Technologiepark etabliert, sodass sich auch Geschäftsreisen für Reliktforschungen in Tagungspausen anbieten...

Gleisreste am Humboldthain... ...im Märzschnee d.J. 2013


Südosten 

Auch die Görlitzer Bahn hatte "ihren" Endbahnhof.  Gelegen im Westen (Kreuzberg), aber von Osten (Treptow) kommend, war Schluss mit Personenverkehr am Görlitzer Bahnhof 1952, Güterverkehr (grenzquerend) hielt sich bis immerhin 1986.  Auf dem alten Bahnhofsgelände befindet sich heute der Görlitzer Park; die Brücken über Landwehrkanal und einige Straßen dienen einem Rad/Skate/Fußweg:

Brücken über Bouchéstraße... ...Lohmühlenstraße, sowie (teilrückgebaut)... ...dem Landwehrkanal
Viele Kilometer weiter südöstlich, am Grünauer Kreuz, ist eine alte Verbindungskurve ein Relikt aus den Zeiten des Güteraußenrings;  dieser ging bekanntlich aus der Umgehungsbahn hervor, war in den 1940ern provisorisch betriebsbereit, bis in die 1950er im südlichen Bereich stark genutzt und dann (großteils neutrassiert) vom Berliner Außenring ersetzt.
Gut nutzbare, beliebte Personenwege
Brücke der alten Verbindungskurve über einem... ...Sackgassenweg zu einer Kleingartenanlage Trasse wenig überwachsen (je 2018)

 

Von und nach Berlin - oder weit um Berlin drumrum - im Uhrzeigersinn

Sicher prosperiert Berlin seit der Einheit Deutschlands und Europas, dieser Aufschwung (auch verkehrlich) hat aber natürliche Grenzen.  So vermitteln immer schnellere Regionalbahnen (200km/h gen Rostock) oder dichteste Takte (Richtung Brandenburg a.d.H.) zwar Verkehr ins Umland (wodurch sich gerade letzteres Mittelzentrum zu einem beliebten Wohnort für Berlin-Beschäftigte etabliert), aber nach wenigen Dutzend Kilometern außerhalb der Stadtgrenze ist unbesiedeltes Land, finden sich überwuchernde Trassen und verfallende Landbahnhöfe.  Eine Spurensuche:

Wensickendorf - Liebenwalde   ex DR 193
Dieser Teil der Heidekrautbahn (Basdorf - Groß Schönebeck) war zwischen 1905 und 1997 in Betrieb (1972 z.B. 15 Zugpaare, erste Abfahrt Liebenwalde 4.34, letzte Rückkehr 1.32);  die marode Brücke über den Oder-Havel-Kanal gab den Ausschlag für die recht frühe "Stilllegung", die mit Höherlegung jener Brücke recht "endgültig" zu sein scheint.

Brücke über den Kanal....  ....ohne Gleis, ... ...um ca. 50cm angehoben  (je 2016)
Ankunft Liebenwalde (Straße, 2015) Gleisseite, noch mit Gleisen... ...und Spuren der Trasse Richtung Süden

 

Hoppegarten - Altlandsberg   ex KBS 101m

Die knapp 7km lange Kleinbahn war 1898 eröffnet worden und 1965 (bis auf 3km zu einem Umspannwerk) stillgelegt worden.  Dank zu DDR-Zeiten unbekannter Termini "Bahntrassenradweg" oder "Flurzufahrtsweg" in ziemlich unberührtem Wüstungszustand.  Auch eine Überbauung ist noch nicht großflächig erfolgt;  Neubauwohngebiete orientieren sich hier zurecht in andere Ecken (Autobahnnähe).  Kurzeindruck von Juli 2007:

Kurz vor Altlandsberg - unberührte Waldwüstung Brücke über ein Fließ,... ...dann doch so etwas wie ein Weg...

 

Zossen - Jüterbog   ex DR 184
Hier begegnet uns die altehrwürdige Königlich Preußische Militäreisenbahn, die seit 1874 erbaut wurde, um inbesondere die Schieß- und Versuchsplätze um Kummersdorf anzubinden;  recht bald fand auch Güter- und Personenverkehr statt.  Zu DDR-Zeiten mit der Strecke Zossen - Königs Wusterhausen betrieblich verbunden, war hier auf jenen insgesamt knapp 60km eine recht normale Frequenz (1973 drei durchgängige Zugpaare, dazu 5 im "Kernabschnitt" - gekrönt durch den Langläufer Frankfurt (Oder) - Zossen - Jüterbog - Magdeburg);  Stillegung war 1996/98.  Heute teils ein Draisinenbetrieb, teils Relikte, bedeutend vor allem im Bereich der Anschlüsse:

Sperenberger Gipsbahnbrückenrest 2014 Altes Anschlussgleis in das Großobjekt Militärflugplatz... ...Sperenberg

Sperenberg wäre ja bekanntlich fast der Berliner Großflughafen geworden (und ganz sicher seit Jahren in Betrieb), so aber haben wir weitere Jahre der Vorfreude ( ;- ) und weiterhin ein großartiges morbides Objekt, das wegen seiner Ruinen und Bunker magische Anziehungskraft besitzt, streng bewacht wird, jedoch auch zu Führungen lädt.  Am Rande einer solchen gelangen vor wenigen Jahren schnelle Schüsse Richtung berühmter "Probe-Bahn-Brücke", die wohl noch zu Kaisers Zeiten vom Militär gebaut wurde (Nordrand Schumke-See), um etwas auszuprobieren (den Bau, die Beständigkeit, die Sprengmöglichkeiten ? .... ).  Frei zugänglich immerhin mächtige Beton-Fundamente beidseits des Heegesees, hier wohl Übungsgebiet für Pionier-Brückengerät.  Egal, Militärkenner und -fans sind wir nicht, aber jedwedes Miliär-Agl oder Rollwegrest nehmen wir mit ;-)

Am Heegesee ein massives Fundament und... ...der Fernblick nach Norden (dort wohl auch Denkmal)
Schumkesee:  Reste von Brückentestpfeilern... ...auch im "Vorland" Blick von der Seeseite (je 2011)

 

Verbindungskurven Jüterbog
Als aufgrund des Elbe-Hochwassers und seiner Schäden an der Schnellstrecke bei Stendal über Monate die Fernzüge Frankfurt (Main) - Berlin über Erfurt - Halle (Saale) umgeleitet wurden, musste auch die Hauptbahn bei Jüterbog genutzt werden;  der Blick des Fahrgastes nahm gerade da merkwürdige massive tunnelartige Bauwerke wahr, die recherchiert und schließlich aufgesucht werden mussten.  Tatsächlich treffen südlich des Bahnhofs die Fernstrecken Berlin - Leipzig  (gen Bitterfeld) und Berlin - Dresden (gen Falkenberg) aufeinander, eine kreuzungsfreie Ausfädelung der Relation Berlin - Dresden unter die Beziehung Leipzig - Berlin in Bau gewesen war -sowie eine viergleisige Erweiterung der Anhalter Stammstrecke- (um 1915), im Weltkrieg aber eingestellt wurde (und gegen 1922 zwar noch baubeendet, nie aber unter Verkehr genommen wurde); so zeigen dann schon Karten der 1930er hier nurmehr Einschnitte.  So oder so:  2014 waren überraschend massive Bauwerke, nahezu ein Jahrhundert Relikt, vorzufinden:    

Einschnitt und Stützmauern (Trasse Berlin - Dresden) Rechtwinkliges Überführungsbauwerk, hinten v/n DD Bauwerk mit Lichtöffnungen
Der "wahre Kreuzungsbereich" vermauert, aber... ...Blicke möglich, war er in Kriegszeiten genutzt? Zug nach Dresden wäre wieder oberirdisch gekommen

Nach einer Stärkung (in Jüterbog gibts noch echte Bäcker) wenden wir uns weiter auf dem Großkreis um Berlin in nordwestliche Richtung und stoßen schon bald auf gehörige Bahngeschichte:  auf eine der bedeutendsten deutschen Privatbahnen (äh, deren Historie) - jene etwa 125km lange Brandenburgische Städtebahn, die schon im 19.Jh. (für Berliner Umgehungszwecke) projektiert war, seit ca. 1905 regen Fern-Nebenbahnbetrieb sah, zur Teilungszeit als weite Güterdirekttangentialbahn CZ - Ostsee fungieren durfte (musste), und einen typischen Niedergang in Etappen erlebte; es ist zu vermerken:   Treuenbrietzen - Niemegk (still seit 1962 / 63, danach aus strategischen Gründen betriebsbereit gehalten, für einige Filmaufnahmen genutzt; Wüstung ohne Höhepunkte); Niemegk - Belzig (still seit 1998, danach sporadisch Einzelverkehr, überwuchernde Trasse):  

Niemegk, Bahnhof Gleise gen Treuenbrietzen ...und von Belzig, je 2016

Bei Belzig unterquerte die Städtebahn die Kanonenbahn (heute hier nurmehr die Regionalstrecke Dessau - Berlin) in einem tunnelartigen Bauwerk, südlich davon gab es aber Verknüpfungskurven zum Bahnhof Belzig, sodass der Personenverkehr (nur bis 1962) eine kopfmachende Ehrenrunde drehen musste, laut alten Kursbüchern gab es ohnehin nur 2-3 durchgehende Zugpaare, die sich für die Bedienung Belzigs 20 bis 50 Minuten Zeit nahmen...   Der Abschnitt Belzig - Brandenburg ist seit 2003 ohne Verkehr, und heute großteils abgebaute Wüstung.  Bemerkenswert die einst größere und westlichere Trassenkurve bei Göttin (Feldweg; Brücke über die Plane verschwunden, nur ein Widerlager) - Erinnerung an eine Trassenverlegung in den 1930ern um die neue Reichsautobahn gebündelt mit der Reckahner Landstraße zu unterfahren.  

Links nach Belzig, rechts direkt weiter gen Brandenbg Unter der Kanonenbahn (je 2010) Bei Schwanebeck Brücke 2014 weg
Bei Golzow Nord 2014: musterhaftes Wüstungsensemble Reckahn, Bahnhöfle privat (2017)
Göttin, leerstehender Bahnhof; hier... ...noch Gleis mit km-Stein 
Dies die alte aufgegebene Urtrasse, nach gut 2km... ...Widerlager der Planebrücke (je 2017)

 

Nördlich Brandenburg wurden und werden Relikte auf der Seite "Elbe / Havel" behandelt; immerhin findet zwischen Brandenburg und Rathenow seit 2005  wieder ein Taktverkehr statt;  von Rathenow bis Neustadt (Dosse) heißt es ebenso seit 2003:  adieu, Bahn.

Nein, wir wenden uns wieder nordostwärts, gen Berlin und kommen zur Funkstadt Nauen.  Heute an der Hauptbahn Berlin-Hamburg gelegen, erinnert doch wenig an die "große" Bahngeschichte, als weitere Strecken, teils Klein- oder Schmalspurbahnen, hier ihrem geschäftigem Verkehr nachgingen.  Und man vergesse nicht, dass zu DDR-Zeiten hier Endpunkt der "Kurzstrecke" Nauen - Albrechtshof (KBS 134; unterbrochene Hauptbahn bei Spandau) war sowie eine "Verbindungsbahn" (KBS 132 nach Wustermark) existierte.  Dieses Teilstück Wustermark - Bredow - Nauen gehörte zur westlichen Güterumgehungsbahn (Jüterbog - Priort - Nauen - Oranienburg) und hatte seine Bedeutung für den Personenverkehr zu DDR-Zeiten, da ja die Hamburger Bahn bei Albrechtshof unterbrochen war.  So war es etwa 1973 möglich, mehrmals am Tag zwischen Potsdam über Bredow nach Nauen zu reisen, ebenso von Staaken Kr.Nauen (Behelfs-Bhf westlich West-Berlins am ehem. Gbf) über Bredow nach Nauen.  Ab 1976 verkehrten hier ohne Halt Fernzüge Hamburg - Berlin.  Nach Wiedervereinigung erhielt die Strecke die neue KBS 131 und wies eine Art Taktverkehr auf zwischen Nauen - Bredow - Wustermark und ... Berlin-Charlottenburg !  1996 war hier Schluss, die Hamburger Hauptbahn war wieder in Betrieb gegangen.  So findet sich im Speckgürtel eine Bahnruine (ähnliche Szenen siehe bei Leipzig !) mit schönen Relikten:  südl. Widerlager der einstigen Querung der Hamburger Bahn (Strecke verlief dann nördlich bis Nauen, um nordwärts abzuschwenken; verkl. aufgehelltes Bild by mar_k83 / mapillary CC BY-SA 4.0), weiteren Brücken um Bredow sowie dem verfallenden Bahnhofsgebäude Bredow:

Widerlager, Blick Ost (by mar_k83 - 2017) Ganz früher zweigleisig... Zählung ab Jüterbog
Brücke über Feldweg lange eingleisig ...aber auch massiv (Fernzüge !) Blick nordwärts
Brücke über Landstraße und... ...Bahnsteigrest am... ...Bahnhof Bredow, 1996 a.D. (je 2020)

Betrachten wir die Landschaft um Nauen genauer, so finden wir ausgedehnte flache Feuchtgebiete, einstige Niederungsmoore, die nach Trockenlegung nun Weiden und Äcker (Mais) tragen, deren Entwässerungskanäle dankbare Bahnbauwerke bedingten, wo die Dämme ebenso meist noch aufzufinden sind.  Es sind dies also havelländisches und Rhinluch, immer einen Stopp wert, im noch nordöstlicheren Bereich dann weite Kiefernwälder (besonders im Glien), wo sich sogar (fast) Doppelrelikte finden:

Alter Bahndamm Nauen - Bötzow, kurz vor dem Havel- -ländischen Hauptkanal, schöne Widerlager (2017)
Bei Paaren dann die Trasse im Wald aufgehend, ...als Damm zu erahnen, hier hätte die RAB nach... Hamburg gekreuzt, Vorarbeiten?

Die bedeutendere Bahn, die den Hauptkanal kreuzte, natürlich die Strecke nach Kremmen.  Als "nördliche Umgehungsbahn", also einer Art Berliner Umgehungsring bis 1915 erbaut, endete der Personenverkehr 1967.

Nordwestlich Nauens, diese Bahnbrücke... ...steht noch unbenutzbar; die Trasse... ...noch gut sichtbar (je 2018)

Auch sie hätte eine Kreuzung mit der Urplanung RAB nach Hamburg erhalten; hier östlich Tietzow sind an der Stelle im Wald auffällige Haufen und Dämmchen zu finden, die wohl als "Mieten" an erste Erdarbeiten erinnern (?).  Der Reliktjäger indes bewundert mehr den schnurgeraden, noch nicht zu überwucherten Bahneinschnitt im Kiefernwald:

Bei Tietzow:  Schotter und Schwellen, sogar ein ...Feldwegübergang, auch ein... ...Damm im Wald
Stelle, an der die Reichsautobahn... ...wohl unterquert worden wäre, Relikte ? (je 2017) Widerlager bei Flatow (2020)

Nochmals zurück zur Hamburger Hauptbahn, genauer nach Paulinenaue.  Die hier von Süden- / Südwesten einst hereingekommene Schmalspurkreisbahn Rathenow-Senzke-Nauen (genauer, dem Paulinenauer Ast) ist längst Geschichte, ihre Remanenz äußerst bescheiden.  Immerhin waren 2020 noch die Widerlager einer kleinen Brücke (praktisch neben der Hamburger Bahn) vorzufinden sowie die Grundstruktur einer Wassergrabenbrücke in Nauen:

Widerlager, dahinter die Hauptbahn Brücke war in den 1990ern noch vorhanden Szene in Nauen (je 2020)

"Frischer", "Mächtiger", die einstige "stille Pauline", jene Verbindungsbahn nach Neuruppin, die schon seit 1880 existierte, für Bau der Hamburger ("endgültigen") Autobahn unterbrochen (Pv endete 1970), zuletzt und im Abschnitt Paulinenaue - Fehrbellin zumindest im Restgüterverkehr bis Anfang der 1990er betrieben worden war.  Sie ist bemerkenswert, da der erste Neuruppiner Kopfbhf von 1880 (in Brachgelände am Weg "An der Pauline") als Denkmal existiert, der zweite, etwas ortsnähere von 1930 als Apotheke (mit Gleisdenkmal !) belebt ist, die nacherrüstete Verbindungsbahn (die den "neuen" Paulinenbf umging) zu den anderen Strecken (und dem "Hbf Neuruppin") bis in die 1990er Verkehr aufwies (Fabrikanschlüsse am Rhinsee), sodass neben Radweg auch Betonschwellenwüstungen u.dgl. Remanenz beisteuert:

 
Hier nur noch ein Widerlager über dem "Großen" ...die Trasse wenig erhalten Am alten BÜ und altem...   ...Bhf Lobeofsund (je 2018)
Im alten Bhf Fehrbellin eine Wirtschaft; außen ....Erinnerungsstücke, sogar ein... ...alter Waggonkasten
 
Fehrbellin, ein nettes Ensemble Der alte Rhin; die Trasse nördlich Fehrbellin.. ..wüstlliegend (2017/2018)...   ..dann aber Radweg über Rhinkanal
2020: Neuruppin, der "neue" Paulinen-Bhf .Spuren eines BÜ an der "neuen" Verbindung Betonschwellen und...
Signalruine Der erste "Alte Paulinenauer Bhf" ...mit abseitigem Aborthaus (je 2019)

Wir reisen weiter, erreichen Oranienburg und werden mannigfach fündig.  Die alte Garnisonsstadt liegt an der Hauptbahn Berlin - Stralsund, sah sich aber von Westen einer nur teils gebauten "Umgehungsbahn" ausgesetzt, die als eingleisige Nebenbahn Nauen - Kremmen - Oranienburg einen Personenverkehr zwischen 1915 und 1967 sah, wegen Baus des Berliner Außenrings aber einen seit den 1960ern wesentlich geringeren Güterverkehr;  stillgelegt wurde diese Strecke um die Jahrtausendwende, nachdem der Güterverkehr in den 1990ern sukzessive "verschwand".  Heute hier teils Draisinenbetrieb (nette Bahnhöfle), die Brücken im Stadtgebiet (über die Kanäle) aber brachliegend, andere sogar demontiert:

Oranienburger Kanal 2016 Ein nicht sehr einladender Weg ohne Anbindung
Havel:  andere Brückenart,... ...aber nicht nutzbar Schwellenwüstung

Die Rundreise im Uhrzeigersinn beenden wir "gegen kurz nach 12" unweit nordöstlich Oranienburgs, an der stillgelegten eingleisigen Nebengüterbahn Berlin-Karow - Fichtengrund.  Während die Lage und zugedachte Funktion an den in den 1930ern begonnenen Güteraußenring erinnert, war der Bau (Zeit: nach dem Weltkrieg, Typ: bescheidenere Ausführung, Grund: militärisch; Berliner Sektoren) ein Kind der Teilung.  Zwar folgten der Eröffnung 1950 sogar noch Jahre mit Personen (durchgangs-) verkehr, welcher aber schon in den 1950ern mit Fertigstellung des Berliner Außenrings (bzw. Teilstücken) entbehrlich wurde;  die Trasse wurde aber aus strategischen Gründen weiter vorgehalten und mit Entlastungszügen belegt.  Gerade diese unscheinbare Strecke verdient aber einen Besuch:  einerseits befindet sich an ihr gelegen das Mahnmal "Außenstelle KZ Sachsenhausen - Klinkerwerk" - eine alte Großziegelei die zu einem Mordwerk wurde (mit heute würdigen, einsam gelegenen Infostellen, stets zugänglich) und unweit hiervon ein Technikdenkmal mit weltweiter Bedeutung:  der Klinkerhafenbrücke.  Der Neubau der Eisenbahnbrücke über den Oder-Havel-Kanal hatte 1986 hier zu einer einmaligen Konstruktion (zweistöckiges Stahlfachwerk) geführt, die zurecht unter Denkmalschutz steht.  1995 endete der bescheidene Regel-Verkehr; 1999 ist der Bereich westlich Schmachtenhagen stillgelegt.

Mahnmal Klinkerwerk; Hafen; dahinter Denkmal Brücke So etwas findet man nirgendwo sonst !
Leider gesperrt, die Trasse nur extrem... ...geduckt, zB als Hase zu verfolgen (je 2015) Schmachtenhagen 2016

Der Bahnübergang am Malzer Weg (Schmachtenhagen; Gleise ansonsten hier entfernt) ist typisch und besonders, da hier in Blickrichtung der "Bahnhof" des Ortes (ohne Gebäude, siehe Zeit und Trassennutzung) lag, mit immerhin etwa 800m langem Überholgleis - in den 1960ern wurde hier -ziemlich geheim- die automatische Umspurung (russische Breitspur) erprobt.   Zudem finden sich noch (Beton-) Hektometersteine in der Größenordnung 69 / 70 etc., mithin dem Hinweis auf die Zählung ab Teltow, also den Überresten des bekanntlich nur teilverwirklichten Berliner Güteraußenrings (GAR), der auf Planungen Anfang des 20.Jahrhunderts fußt, in den 1930/40ern hektisch und teils provisorisch erbaut worden war, nach dem 2. Weltkrieg von der DR ebenso hektisch (Umgehung West-Berlins) punktuell ergänzt wurde, um nach Fertigstellung des "großen Berliner Außenrings" (BAR) zunehmend entbehrlich zu werden...

Lit.:
Peter Bley, Die Berlin-Anhaltische Eisenbahn, Düsseldorf 1990

 

 

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