Mittelgebirgsschwelle.

Wenn die Norddeutsche Tiefebene erstmals auf größere Berge trifft, spricht man von der Mittelgebirgsschwelle.  Umgekehrt, glaubt man sich beim Passieren des stets verregneten Münster und dem Verlassen des Riesenraumes NRW-Ruhr schon im flachen Norddeutschland, wird man bei Osnabrück und dem "Lasterschrecken" Dammer Berge nochmals eines Besseren belehrt.  Tatsächlich waren sowohl bei Lengerich als auch an der Weserpforte Porta Westfalica jeweils Eisenbahntunnel notwendig.  Auch in diesen so unterschiedlichen Regionen sind viele Strecken schon lange Zeit Geschichte, können noch einige Relikte aufgefunden werden, wenngleich der berühmte Bahntrassenradweg sich doch schon sehr vieler Strecken bemächtigt hat.

Lengericher Tunnel

Nahe Lengerich muss die Rollbahn, jene wichtige Verbindung von Ruhr und Hochsee einen Höhenrücken des Teutoburger Waldes mittels Tunnel durchstoßen.  Ausbaupläne dieser bis heute dichtbefahrenen Hauptstrecke auf vier Gleise führten in den 1920ern zum Bau eines parallelen mit 581m deutlich kürzeren Tunnel (längerer Südeinschnitt); die Stilllegung des alten zwecks Sanierung und Ausbaus (der auch kriegsbedingt schließlich bis heute unterblieb) ermöglichte eine Einrichtung einer unterirdischen Kriegsproduktionsstätte (sog. U-Verlagerung REBHUHN).  Dieser Alte Lengericher Tunnel (765m Länge) steht heute unter Denkmalschutz, wenn auch beide Portale sowie Flügelmauern und Innenmauern stark baufällig sind.  Eindrücke von Juni 2007 (wieder einmal waren illegale Zugänge bzw. Gucklöcher vorzufinden):

Altes Nordportal kaum noch zu sehen; innen... ...bis auf 1,5m verschütteter Querschnitt
Altes Südportal von Kriegsnutzung gezeichnet,... ...ebenso Stützmauern; ...innen merkwürdige Einbauten

 

Weserbergland

Tunnel von Bad Eilsen 1995 Klüt-Tunnel 1993

Linkes Relikt, der Tunnel unter dem Wilhelmsberg, erinnert an das "Eilser Minchen", eine elektrische Kleinbahn, die zwischen 1918 und 1966 Bückeburg und Bad Eilsen verband - das andere nördliche Portal ist mitsamt Einschnitt überschüttet und überbaut worden.
Rechts befinden wir uns in der Rattenfängerstadt Hameln - im Rücken des Fotos ist die Weserbrücke noch auffälliger und fotogener gewesen...  (siehe unter Bauwerke / Viadukte)

 

Eggegebirge

Die Eisenbahn zwischen Westfalen und Hessen muss das Eggegebirge queren. Vor 1850 meinte man unweit Willebadessen, nahe der Karlsschanze eine geeignete Stelle für einen knapp 600m langen Tunnel gefunden zu haben; als schon ein Drittel aufgefahren worden war, zwangen Wassereinbrüche und Hangrutschungen an den tiefen Voreinschnitten zur Aufgabe des Projektes. Während der Tunnel selbst wieder gesprengt wurde, sind die tiefen Einschnitte ein bemerkenswertes Kultur- und Naturdenkmal "Tunnel Alte Eisenbahn".  Die Hauptbahn wurde schließlich nördlicher über Altenbeken samt dortigem Rehbergtunnel vollendet.  Auch diese Trasse litt zeit ihres Lebens an den instabilen Hängen nördlich Willebadessen, sodass in jüngster Zeit eine großzügige Neubautrasse samt großem Eggetunnel das neuralgische Gebiet umgeht.  Seit 2003 verwuchert die alte ehemalige zweigleisige Hauptbahntrasse auf einigen Kilometern; noch 2009 konnten am (umgangenen) stillgelegten Haltepunkt Herbram Wald (hier auch geringe Spuren militärischer Anschlussgleise - WK-Walddepot) ein offenbar überstürzt verlassenes Fahrdienstleitergebäude vorgefunden werden.

Tafel "Alte Eisenbahn" Tiefer Felseinschnitt... ...am östlichen Voreinschnitt
Durchlass nahe Neuenheerse Blick alte Hauptbahn, Süd ...dito Nord, hoher Bahndamm kaum merklich
Herbram Wald, Blick auf einstige Gleisflächen Altes Stellwerk Nord "Nf" Innen Kalender 2003, so verlassen (2009)

 

 

Paderborner Hochfläche

Im östlichen Nordrhein-Westfalen verknüpft die Almetalbahn das Paderborner mit dem Sauerland (Brilon).  Bekanntgeworden mit dem legendären Heckeneilzug Bremen - Frankfurt, der hier einigen Nebenbahnen die (Fernzug-) Ehre erwies, erleidet die Strecke ein typisches Schicksal: kaum Fahrgäste, schließende Gütertarifpunkte, Stilllegung, mühsamer Museumsverkehr, schleichende Verwucherung.  Haben wir unter der Seite "Sauerland" bereits die Tunnel um Brilon kennengelernt (wovon einer regelmäßig Güterberkehr, einer sporadisch Museumsverkehr "sieht"), so musste 2009 nahe der Fernautobahn 44 eine stillliegende, teils gleislose (nicht aber entwidmete!) Strecke begutachtet werden, mit den Toprelikten Almebrücke und den beiden Tunnels:

Oberhalb des Ortes zum... ...Ahdener Tunnel, innen... ...der Blick am Südportal
Ahdener Tunnel Nordportal; hier nahe... ...alter Bahnhof
Tunnel Wewelsburg, Süd-... ...und Nordportal; hier nahe... ...eine große Almebrücke (je 2009)

 

 

Warburger Börde

Hier, an der Grenze zwischen Ostwestfalen und Nordhessen, sind neben regen Güterabfuhrstrecken, einstigen bekannten Knoten (Scherfede) auch so manche fast vergessene Nebenbahn zu besuchen.  Die Täler Diemel, Twiste, Itter und Eder beherbergten die 100km lange Nebenbahn Warburg - Marburg, die freilich längst in Abschnitte zerlegt und einzeln "abgewickelt" wurde.  Südliche Streckenteile (siehe unter Hessen) liegen brach, nicht ohne Hoffnung; das hier interessierende nördlichste Segment Warburg - Volkmarsen lebte zwischen 1890 und 1967 (Personen-) bzw. 1977 Güterverkehr.  In Warburg kann der geneigte B7-Pausierer immerhin einen kleinen Tunnel und eine große Diemeltalbrücke besichtigen; wegen des hier trassenbesetzenden Radweges ziemlich unaufwändig:

Warburg, der Tunnel von Westen... ...und von Osten Diemelbrücke sichtlich renoviert (2009)

 

 

Großraum Peine

Was, Sie kennen Peine nicht? Es ist durchaus zweckmäßig, in dieser schönen mittelgroßen Stadt Station zu machen, ist man doch hier im Schnittpunkt der benachbarten Zentren von Justiz (Celle), Verwaltung (Hannover), Kirche (Hildesheim) und Forschung (Braunschweig).  Geographisch befinden wir uns an der Mittelgebirgsschwelle, bei der der Hamburger Cayenne-Fahrer an der Autobahnsteigung Hildesheimer Börde erstmals wünschte, doch den V8 genommen zu haben...   Hier haben die Bundesstraßen ulkige Nummern (188, 214, 444), die Orte einzigartige Namen (Schwüblingsen, Equord, Hoheneggelsen).  Zugegeben, auch bedeutende Verkehrswege (B1, A2) aller Couleur (Mittelland-, Elbe-Seiten-Kanal), jüngst mit Schnellbahn Hannover - Berlin geben sich hier ein Stelldichein.  Gleichmäßige Verteilung von Feld, Wald, Wiese und Bach machen diese Region Niedersachsens attraktiv;  wirtschaftlich haben Kaliwerke, Erzbergwerke und Erdölförderanlagen die Landschaft geprägt.
Der Eisenbahnarchäologe kann durchaus auf viele interessante Trassen stoßen, wobei Industriegleise teils erst in jüngerer Zeit von der Bildfläche verschwanden.

Plockhorst - kleiner Bahnknoten

Kilometerstein bei Ankensen Gleis bei Stederdorf

Mehr zu Plockhorst und anderen Relikten im Raum Peine auf vergessene-orte.de  (Bilder: Holger Förstemann 2004)

 

Braunschweig und die Sache mit den Bahnhöfen

Man könnte meinen, die Stadt der Welfen wäre nie mit dem Erreichten zufrieden gewesen und tatsächlich ist die alte Hauptstadt ein Musterfall städtischer Trassenverlegungen.   (mehr)
Aber auch das Ausbesserungswerk Borsig ist im Verfallen:

Gebäude im Verfall Gedenktafel 100 Jahre RAW

 

Fotos:  Holger Förstemann 2004

 

Salzgitter - Vielfalt der Strecken

Vielfältigste Streckenverlegungen, Trassenverschwenkungen und Erzbahnen machen dieses Gebiet zu einem eisenbahnarchäologisch sehr ergiebigen.  Nur mit topographischen Karten aus unterschiedlichen Zeiträumen wird es gelingen, ansatzweise einen Überblick zu gewinnen.  Doch auch die 1980er Jahre haben mit Stilllegung klassischer Talbahnen zum Thema "beigetragen".

Detaillierte Trassenschauen bei  stillgelegte-bahnstrecken.de.vu  

 

Fast Harz

Die schmalspurige Kreiskleinbahn Osterode - Kreiensen führte durch den Westhofener Wald; dabei war sogar ein 400m langer Tunnel erforderlich.  1993 war dieser (vergittert) schon schwer erreichbar, die nahe steinerne Brücke über ein Tal mit Forstweg war beseitigt, vom nahen abzweigenden Holzverladegleis so gut wie nichts mehr zu erkennen.

 

Fast Hessen

Eindrücke einer wenig bekannten Strecke, die dafür aber umso interessanter ist: Hümme - Bad Karlshafen, früher Carlshafen linkes Ufer.
Die Strecke von Kassel nach Bad Karlshafen wurde 1846 eröffnet, um den für Auswanderer wichtigen Hafen Carlshafen an der Weser zu erschließen. Das eigentlich vorgesehene Kanalprojekt (Carlskanal, begonnen, Bericht i.Pl.) war damit gescheitert. 1849 kam die Strecke von Altenbeken hinzu, kurz danach war Münden wieder der Hafen für Kassel (nicht zuletzt aus diesen staatsgebietshistorischen Gründen ist die Strecke nicht fast, sondern sicher im nördlichsten Zipfel Hessens gelegen).
1966 wurde der Personenverkehr eingestellt und die Strecke nördlich Trendelburg stillgelegt, der Güterverkehr bis Trendelburg hielt sich bis Ende der 80er Jahre.
Heute gibt es einen sehr idyllischen Radweg im nicht minder idyllischen Diemeltal, der allerdings das Toprelikt der Strecke, den Tunnel bei Deisel, umgeht:

Tunnel Südportal (innen Baumeistertafel) nördlich ein jetzt privates Bahnwärterhäusle
Damm bei Wülmersen, hier ein in den... ...1950ern errichteter Hp (H.Metzger 2005)


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