Heidelberg.  Metropolchen mit Geschichte.

Das wirtschaftliche Herz des alten Landes Baden schlägt im Rhein-Neckar-Raum.  Folgerichtig baute die Großherzoglich Badische Staatsbahn zuerst die Verbindung der Städte Mannheim und Heidelberg, die 1840 eröffnet werden konnte. Schon 1843 erreichte der damals in 1600mm Spurweite ausgeführte Schienenstrang die Hauptstadt Carlsruhe, in rascher Folge auch Mittel- und Südbaden.
Heidelberg, an der Stelle gelegen, an der der Neckar aus dem kurvigen Odenwald in den flachen Rheingraben tritt, liegt mit der Altstadt recht beengt zwischen Schloßberg und dem südlichen Neckarufer.  Heute bedeutet dies mit der ostwärts strebenden B37 ein Verkehrsproblem wie nie.  Es könnte allerdings noch schlimmer sein:

Kartengrundlage von 1927:
Unterland I, hrsg. v. Württ.Stat.Landesamt (1:100.000)
Wiedergabe mit freundlicher Erlaubnis des
Landesvermessungsamts Baden-Württemberg (www.lv-bw.de)
AZ: 2851.3-A/380 vom 18.10.04.

Die erste Heidelberger Station war als Kopfbahnhof (in Karte: Bhf) recht zentrumsnah errichet worden; als die Odenwaldbahn Richtung Neckargemünd 1862 erbaut wurde, waren zwischen Ostende des südwärts erweiterten, nunmehrigen "Hauptbahnhofs" und dem neuen Karlstorbahnhof (r.o.) drei Tunnel erforderlich.  Kontinuierlich steigender Verkehr auf Schiene, Tram und Straße ließen die fünf Bahnübergänge im Zentrum bald zur Qual werden.  Es kam daher in der Folgezeit zum Bau einer Vielzahl von (teils kurzen) Güterbahnen und Verbindungskurven und kulminierte 1902 im Vorhaben der Errichtung völlig neuer, großzügiger, westlicher gelegenerer Abstell-, Haupt- und Rangierbahnhöfe.  Der für diese neue West-Ost-Verbindung nötige lange Königsstuhl-Tunnel wurde nach Fertigstellung des neuen Rangierbahnhofes (G.Bhf.) ab 1914 befahren; er trifft im Osten neben dem alten Schloßbergtunnel auf den Bahnhof Karlstor und die Neckartalbahn.  Zwei Weltkriege verzögerten den Ersatz des alten Personenbahnhofes; erst 1955 konnte dieser gut 1km westlicher platzierte Neue Hauptbahnhof ( * )eröffnet werden.  Die Stadt nutzte die alte Trasse für den Bau von Entlastungsstraßen; während der Spitaltunnel im Aus- und Neubau unterging, ist der Schloßbergtunnel im Gegenverkehr befahrbar und der Gaisbergtunnel ( ^ ) zweispurig in östlicher Richtung. Anstelle des alten, abgetragenen Bahnhofes befinden sich (zwischen Kurfürstenanlage und Bahnhofstraße) neue Gebäude (Justiz und Ämter) samt Parkhaus. Auch die heute so bedeutenden Verkehrsadern Römerkreis und Ringstraße sind Folge der beräumten Gleisbereiche.

Gaisbergtunnel  von Westen (mapillary CC-BY-SA 4.0) '20   Gaisbergtunnel - etwas vereinfachtes Ostportal (2003)

Die gut zwei Kilometer lange geschwungene Verbindung vom Rangierbahnhof zum Abzw Königsstuhl (6, gen Tunnel und Neckarbahn) von 1914 wurde 1997 eingestellt.

Wenig westlich des Königsstuhltunnel zweigte die Verbindungskurve aus und unterquerte separat die uralte Chaussee (Bergstraße, B3) - 2005 ist diese Brücke unterfüllt, Böschungen entschärft. Die Straße oben ist zugunsten der Stadtbahn verengt, die Neckartalbahn (im Großbild rechts) erhielt hier einen neuen S-Haltepunkt (Bild links).
Von der (einstigen) Straßenbrücke fällt der Blick auf die alte Bahntrassenschneise, die hier gleich drei Schulen trennte (Bild rechts):

Brücke über der Römerstraße (neue Süd-Einfallschneise) - Lärmwand ?? (2005)

Die Brücke über die KBS 700 und km-Stein  (2004)

 

Doch, es kommt noch besser ! 

Bahnstadt statt Bahn.

Natürlich hatte auch Heidelberg seinen großen Güterbahnhof.  Gelegen wenige hundert Meter südwestlich des ("neuen") Hauptbahnhofs, schloss er die Stadt über Jahrzehnte gen Südwesten ab, folgten dort unvermittelt Wiesen, Felder.

Veränderte Güterströme, so weitestgehender Wegfall des Einzelladungsverkehrs, Konzentration auf Containerterminals und vollautomatische Rangiergroßbahnhöfe -hier ist ja Mannheim Rbf sehr nah-  ermöglichten auch hier in Heidelberg die Aufgabe großer Flächen;  bekannt ist dies ja schon z.B. von Braunschweig, Frankfurt (Main) und Freiburg (Brsg).  Klar, dass da Stadt und Investoren ganz heiß darauf waren, in vergleichsweise guter (Hbf fußläufiger) Lage einen neuen Stadtteil hochzuziehen.

So pilgern denn seit Mitte der 2010er eher Bau- und Architekturfans denn Lokspäher an den Rand der Gewanne Mittelfeld und Entenlach, zum neuen Stadtteil Bahnstadt.  Wirklich?  Zweifellos ist diese typische dichte mittelgroße Bebauung auf den ersten Blick menschenfreundlicher als die früheren Retortenstädte Tenever oder Vogelstang, scheint die Architektur verbindlicher, wertiger und differenzierter als zB in der Messestadt Riem.  Wohnwert und Wohlfühlwert werden sich wie immer erst mit der Zeit zeigen.

Für diese Webseite relevant:  die Relikte der Bahngeschichte.  Ein derart großes Areal mit einigen zuführenden Strecken kann natürlich nicht vollständig verschwinden; zudem setzt sich weltweit die Erkenntnis durch, Geschichte nicht zu verleugnen.  Also dienen die alten Haupttrassen nebst Brücken nunmehr Rad- / Fußwegen, erinnern punktuell Hochbauten, Masten und anderes Accessoire an die langjährige Nutzung.  So manches Schild möchte informieren, doch der immergleiche städtische Jugendpöbel vermag auch hier schnell Zerstörung, Bemalung "beizusteuern".

Rührend und traurig zugleich:  der kleine Spielplatz "Eisenbahn" mit einer Schablonenwand in ICE-Form.  Wer je Spielplätze in der Schweiz oder USA gesehen und verglichen hat, weiß um die kinderfeindliche Stimmung in diesem teils bieder-alternden Land in der Mitte Europas. 

Gehen wir also systematisch vor.  Zur Verdeutlichung ein Ausschnitt aus openrailwaymap (c) openstreetmap und Mitwirkende, CC-BY-SA 2.0:

Wir sahen oben -von Osten / Königsstuhltunnel kommend- bereits die verschwundene Brücke der Rohrbacher Straße (B3), sodann die damals brachliegenden alten Bahnbrücken (der Strecke 4102) über Römerstraße und Rheintalbahn (Strecke 4000).

2021 ergaben sich neue Angriffspunkte, äh, Erkundungen:

Strecke 4102, über der... ...Carl-Bosch-Straße mit Bahnbrücke Westlicher, links kommt die 4002
km-Stein 18,1 von Mannheim (?) - aber... ...südlicher 18,0 (4002 vor Kirchheimer Weg) Blick auf die alten Brücken der Einfahrgleise
Blick vom Südausfahrgleis nach Norden Idylle nur mit Pfad...  alte Brücke mit Kunst
 
Einfahrbogen 4102 über Rheintalbahn Ihier mit Brücke über Gartenzufahrtsweg  
 
Altes Stellwerk Süd (heute Café), mapillary / ramap 2015 Stellwerk Nord, Blick Südost, mapillary / wegavision '16  

Nach Aufgabe des Rbf Heidelberg 2000 und einer gewissen Brachliegezeit ging man auch an die Neuordnung von Straßen und Straßenbahn.  Die Eppelheimer Straße samt Unterführung der nördlichen Rbf-Zufahrt wurde trotz Abrisses dieser mächtigen Bahnbrücke unterbrochen; der Verkehr muss den Umweg über die Henkel-Teroson-Straße nehmen.  Die alte Tramlinie 22 nach Eppelheim wurde südwärts gen Bahnstadt (in die Grüne Meile) verlegt, sodass sodann "nur" über Hbf Süd angebunden wird.   Das www (Gedächtnis der Welt) in Form von mapillary (Lizenz CC-BY-SA 4.0) hilft auch hier, die alten Linien und Bauwerke "nachzuempfinden":

Eppelheimer Straße 2015 (mapillary / Karl_Popp) Idto, oben die Rbf-Zufahrten und eine Tram 2021 fast gleiche Stelle, Doppelrelikt

 

Beachtung verdienen Trassen anderer alter Verkehrswege:
Die alte Heidelberg-Schwetzinger Bahn (1873-1967) existiert teils als Radweg (so Heinrich-Menger-Weg, heute neuer Stadtteil Pfaffengrund 4), ist in ihrer Anfangszeit aber von der alten Karlsruher Bahn ausgeleitet; diese Trasse ist heute der Baumschulenweg  5 , der vor seinem Bahn-Intermezzo Teil der altehrwürdigen, schnurgeraden Chaussee zum Schwetzinger Schloss war - dieser Boulevard lebt als Kurfüstenstraße (Schwetzingen), Alter Heidelberger Weg (Plankstadt), Rudolf-Wild-Straße (Eppelheim) fort; sein Beginn im Osten an der alten Heidelberg-Carlsruher Chaussee weist die Franz-Knauff-Straße, während im "Zwischen-Bahn-Viertel" um die Carl-Benz-Straße das alte Gewerbegebiet nurmehr ein Stück als Heinrich-Lanz-Straße übriggelassen hat.
(Mehr zur Bahn die einst sogar nach Speyer führte, unter Kraichgau / Rhein-Neckar  i.V.)

3:  Unterführung unter Rangiergleis nun Garage o.ä.
Unterführung unter Straßenkreuzung abgetragen
2:  Wieblingen: Widerlager Straßenteil Neckarbrücke  (je 2004)
In Neckarauen keine Relikte

Der Neubau des Unizentrums in Neuenheim ( 1 ) ist Grund für das Ende einer dreischienigen Güterbahn gewesen; diese band (von der rührigen im Nahverkehr berühmten schmalspurigen OEG betrieben) zwischen 1906 und 1970 die großen Steinbrüche Dossenheim / Schriesheim an die Hauptbahnen an, wozu 400m westlich des Wehrsteges eine große Stahlbogenbrücke den Neckar überquerte.  Leider wurde diese 1971 demontiert, sodass heute zwischen Fußgänger-Wehrsteg und Ladenburg einzig die Autobahnbrücke (A5) den Fluss überbrückt !

 

Aufmerksame Kartenleser werden sehen, dass (knapp oberhalb des Markers K9706) verdächtige Linien an einen alten Flughafen denken lässt.  Tatsächlich befand sich zwischen Pfaffengrund und Pleikartsförster Hof der US Army Heliport (AHP), einst Heidelberg Army Airfield.  Lange vor Schließung des Platzes 2013/2014 waren die beiden eher kurzen Landebahnen (die Ost-West hatte 1067m x 30m in Beton) praktisch nicht mehr genutzt worden, zumal die Kreisstraße nach Kirchheim (Diebsweg) die Bahn kreuzte.  Heute brachliegend ein sehr gut erreichbares Verkehrsrelikt:

 K9706 kreuzt ex 08/26  mapillary / wegavision 2016 Blick West 2021

 

Literatur:
Gerlach, Atlas zur Eisenbahngeschichte, Zürich 1986
Scharf, Eisenbahnen zwischen Neckar, Tauber und Main, Freiburg 2001
Wolff, Klein- und Nebenbahnen Band 1 Baden, Freiburg 1990

 

Statt Stadt - lieber aufs Land ?   Die Regionen...

 

Titelbild:
Markus_KF auf pixabay, verkleinerter Ausschnitt, lizenzfrei

 

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